Kognition und Emotion

Emotionen spielen in unserer Kultur traditionell eine sehr zwielichtige Rolle. Gefühle und Sexualität galten als etwas Niederes, das durch den Geist (den kognitiven Apparat) beherrscht und im Zaum gehalten werden mußte. Je besser einer Person das gelang, desto mehr galt sie als wahrhaft menschlich. Das entbehrte nicht einer gewissen Logik, betrachtete man doch den Menschen als etwas, was sich von den Tieren ganz grundsätzlich unterscheidet, und der kognitive Apparat ist sicher das, was diesen Unterschied am deutlichsten symbolisiert.

Nur nebenbei sei hier angemerkt, daß sich auch die "mindere" Rolle der Frau ganz nahtlos in diese Logik eingliedert, war doch bei den Frauen aufgrund ihrer Gebär- und Stillfunktion die größere Nähe zu dem Tierischen offensichtlich (deshalb mußte Maria ihren Sohn natürlich auch als Folge einer unbefleckten Empfängnis gebären). Nur folgerichtig war es dann, daß man ihnen auch alle Fähigkeiten zu höheren geistigen Tätigkeiten absprach, dafür aber die Emotionalität und Triebhaftigkeit als typisch weibliche Eigenschaften sehr stark betonte.

Auch heute noch finden sich manche Reste dieser Sichtweise. Einen nicht unerheblichen Anteil daran hat auch die Psychoanalyse Freuds, die von vielen mit Psychologie gleichgesetzt wird, und die - zumindest in Kultur und Medien - das Bild des Menschen maßgeblich geprägt hat. Es kann sicher als Verdienst Freuds angesehen werden, das Menschenbild wieder dahingehend zurechtgerückt zu haben, daß nunmehr auch Emotionen und Sexualität als zwangsläufige Bestandteile menschlicher Existenz betrachtet wurden. Andererseits hat auch Freud ihnen die Rolle von "Bastarden", von eigentlich eher unangenehmen Begleiterscheinungen menschlichen Lebens nicht wirklich genommen. Nach wie vor haben sie den Ruch des Niederen. Nachteilig hat sich zudem ausgewirkt, daß durch die Hinzunahme der Instanz des "Unbewußten" Tür und Tor zu sehr weitgehenden Spekulationen geöffnet wurden, die größtenteils weder beweis- noch widerlegbar sind.

Das heutige Menschenbild der Psychologie ist ein Stückchen darüber hinaus gekommen. Weder ist der Mensch ein durchgehend von der Ratio bestimmtes Wesen, noch ist er ein von seinen (unbewußten) Emotionen Getriebener. Emotion und Kognition sind keine Gegensätze, keine Instanzen, die gegeneinander arbeiten. Im Gegenteil, nicht nur in der Psychologie, auch in den angrenzenden Wissenschaften fand man in letzten Jahren immer mehr Hinweise, wie Emotionen und Kognitionen in gegenseitiger Wechselwirkung und Abhängigkeit - sozusagen Hand in Hand - bei der Lösung der alltäglichen Probleme des Menschen zusammenwirken. Etwas überspitzt formuliert, könnte man sagen, daß der Mensch ohne seine Emotionen nicht in der Lage wäre, rational zu handeln. Steht der Mensch in einer Situation, in der es verschiedene Handlungsalternativen gibt, werden offenbar auf der kognitiven Ebene diese Möglichkeiten durchgespielt und auf das Gefühl hin "getestet", das die jeweilige gedankliche Simulation auslöst. In der Regel entscheidet man sich dann für die Handlung, von der man auch "gefühlsmäßig" den Eindruck hat, dies sei die beste. Fehlt diese Kontrollinstanz der emotionalen Bewertung, kann es zu schwerwiegenden und folgenreichen Fehlern kommen. Diese Vorstellung vom Zusammenwirken von Emotion und Kognition hat man aus Studien an hirnverletzten Patienten gewonnen, die Verletzungen aufwiesen, die das Zusammenspiel zwischen kognitivem und emotionalem Apparat stark beeinträchtigten. Diese Patienten wirkten auf die Umwelt und auch nach den Ergebnissen der üblichen psychologischen und psychiatrischen Tests auf den ersten Blick völlig normal, trafen aber in ihrem Alltag so katastrophale Fehlentscheidungen, daß sie nicht mehr als lebenstüchtig gelten konnten.

Verzeihen Sie diese kleine Abschweifung. Mein Anliegen bestand darin, die Rolle der Emotionen etwas aufzuwerten und sie vom Ruch des Irrationalen zu befreien. Emotionen sind nichts störendes, sondern im Gegenteil - wie wir gesehen haben - etwas sehr nützliches, etwas, über das wir uns freuen und mit dem wir ein ausgefülltes und befriedigendes Leben führen sollten.

Im Zusammenspiel steuern meine Emotionen und Kognitionen mein Verhalten. Will ich mein Verhalten ändern, muß ich daher - da die Emotionen ja ein Resultat meiner kognitiven Bewertung sind, diese kognitiven Bewertungen ändern, und bevor ich an diesen Veränderungsprozeß gehen kann, muß ich mir erst einmal bewußt machen, welche Kognitionen in welcher Situation in mir ablaufen.

Verschiedene psychotherapeutische Schulen haben für diese kognitiven Prozesse unterschiedliche Begriffe gebildet: Die einen sprechen von Selbstverbalisationen, die anderen vom inneren Dialog, wieder andere von automatischen Gedanken. Gemeint ist damit letztendlich immer dasselbe, wobei die Schwierigkeit der Begriffsbildung wohl darauf zurückzuführen ist, daß diese Kognitionen nicht mit sprachlichen Äußerungen gleichgesetzt werden können. Die Struktur ist offenbar anders. Deutlich wird dies z. B., wenn Sie über irgendein kompliziertes Problem nachgedacht haben und schließlich an den Punkt kommen, an dem Sie das Gefühl haben, dieses Problem zu durchschauen. Sicher werden Sie auch schon die Erfahrung gemacht haben, daß es dann doch noch schwierig sein kann, dies jemand anderem zu erklären oder es gar schriftlich niederzulegen. Sprache ist zwangsläufig sequentiell, die Worte und Sätze folgen aufeinander (vergleichbar mit einem Tonband oder einem Film), unsere internen kognitiven Prozesse sind aber nicht sequentiell, sie sind eher mit einem Netzwerk miteinander verknüpfter Assoziationen zu vergleichen, in dem man beliebig hin und her springen kann. Will man Inhalte und Verknüpfungen des Netzwerks einem anderen mitteilen, merkt man, wie schwierig es ist, dieses in eine lineare Abfolge von Gedanken bzw. Sätzen zu pressen.

Kommen wir jetzt noch einmal auf die Emotionen zu sprechen. In unserer Sprache gibt es erstaunlich viele Begriffe, mit denen man Gefühlsqualitäten ausdrücken kann. Erstaunlich ist das insofern, als man physiologisch nur wenige emotionale Zustände unterscheiden kann (auch der berühmte "Lügendetektor" kann letztlich nur den Grad der Erregung feststellen), und auch bei der Beobachtung einer anderen Person ist es eigentlich sehr schwierig, ein Gefühl zu identifizieren. Normalerweise merken wir das nicht, weil wir aufgrund der situativen Bedingungen "wissen", welches Gefühl jemand empfindet. Wenn wir z. B. auf einer Beerdigung sind und versuchen, vom Gesichtsausdruck eines der Hinterbliebenen auf dessen Gefühl zu schließen, ist es naheliegend, dieses als Trauer zu identifizieren. Fehlen uns diese Informationen über die Situation, ist das ganze viel schwieriger. Betrachten wir z. B. das Mädchen auf der Abbildung. Überlegen Sie einmal, welches Gefühl dort zum Ausdruck kommt. Ist es Verzweiflung oder Angst? Ist es vielleicht Trauer oder Ekstase? Im Grunde könnte man fast jeden Gefühlszustand in diesen Gesichtsausdruck hineininterpretieren. Klar ist, daß dieses Mädchen hochgradig erregt ist, aber welche Qualität diese Erregung hat, ist sehr viel weniger deutlich. In Wahrheit handelt es sich übrigens um die Aufnahme der Besucherin eines Rockkonzerts. Es muß also angenommen werden, daß es sich bei dem Gefühl um so etwas wie Freude oder Glück handelt.

Wir haben gesehen, daß es sehr schwierig ist, die Gefühle einer anderen Person richtig zu deuten. Im Grunde können wir das nur deshalb einigermaßen, weil wir aufgrund unserer eigenen Erfahrung gelernt haben, in welchen Situationen man wie empfindet.

Was wir jetzt für die Beobachtung einer anderen Person ausgeführt haben, gilt in etwas eingeschränktem Maße auch für die Beobachtung der eigenen Person. Auch hier ist die Identifizierung eines Gefühlszustands nicht so eindeutig wie wir vielleicht meinen. Dazu wurden in der Psychologie einige interessante Experimente durchgeführt. Z. B. wurden Studenten gebeten, an einem psychologischen "Wahrnehmungsexperiment" teilzunehmen. Meldeten sich Studenten, bekamen sie zunächst eine Adrenalinspritze (Adrenalin erzeugt Erregung), wurden aber über die Art der Injektion nicht aufgeklärt bzw. falsch informiert. Danach wurden Sie gebeten, bis zum Beginn des Experiments noch in einem Warteraum Platz zu nehmen. Hier gesellte sich bald ein weiterer "Student" hinzu (in Wahrheit ein Vertrauter des Versuchsleiters). Dieser gab sich nun bei der einen Gruppe der Studenten sehr ärgerlich, schimpfte über das "blöde Experiment" und über den Versuchsleiter. Bei einer anderen Gruppe von Studenten gab sich dieser Vertraute eher lustig und fröhlich und versuchte, die Studenten in seine Späße miteinzubeziehen. Während des eigentlichen Experiments füllten die Studenten verschiedene Fragebögen aus und sollten unter anderem ihren Gefühlszustand charakterisieren. Das Ergebnis war, daß die Studenten der ersten Gruppe ihre durch die Injektion erzeugte Erregung eher als Ärger, die der zweiten Gruppe dagegen eher als Freude oder Fröhlichkeit interpretierten. Auch hier zeigt sich wieder deutlich, wie sehr die kognitive Bewertung das beeinflußt, was wir fühlen (oder besser: was wir meinen zu fühlen).

Ein weiteres Beispiel liefern Experimente zur Prüfungsangst. Hier verabreichte man z. B. prüfungsängstlichen Studenten vor der Prüfung jeweils ein Placebo (ein "Medikament" ohne Wirkung) und erklärte der einen Gruppe, daß diese Pille zu einer gewissen Erregung führe, der anderen Gruppe sagte man dagegen, daß die Pille eine beruhigende Wirkung habe. Anschließend absolvierten die Studenten die Prüfung. Raten Sie jetzt einmal, welche Gruppe die Prüfungen besser absolviert hat. Nach unserer Erfahrung sagen die meisten, denen man von diesem Experiment erzählt, daß sicher die Studenten die besseren Prüfungsleistungen zeigten, die das Placebo mit der vorgeblich beruhigenden Wirkung bekommen hatten.

In Wahrheit war es genau anders herum. Bessere Prüfungsleistungen zeigten die Studenten, denen man gesagt hatte, daß das Medikament ihr Erregungsniveau erhöhen würde. Wie kann man das erklären? Die Erklärung ergibt sich aus dem bisher dargelegten: Angst äußert sich physiologisch in einem Erregungszustand. Die Studenten, die das Placebo mit der "erregenden" Wirkung bekommen hatten, konnten ihren objektiv vorhandenen Erregungszustand mit der Wirkung der Pille erklären und mußten nicht auf die Prüfungsangst als Ursache zurückgreifen. Entscheidend ist also nicht der objektive Erregungszustand, sondern die kognitive Bewertung dieses Zustands.

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