Was passiert in einer sozialen Interaktion?

Als soziale Interaktion bezeichnen wir alle Prozesse, die zwischen zwei oder mehr Personen ablaufen, die Kontakt miteinander haben.

Solche Prozesse finden immer dann statt, wenn sie mit einem anderen Menschen reden, verhandeln oder auch Zärtlichkeiten austauschen. Dabei tauschen Sie Informationen aus, Sie teilen dem Anderen etwas mit. Diese Mitteilungen bestehen nicht immer nur aus Worten, auch mit ihrer Körperhaltung, dem Tonfall und der Mimik und Gestik teilen Sie etwas mit, ja, Sie teilen sogar dann etwas mit, wenn Sie vermeintlich nichts mitteilen. Auch dann, wenn Sie schweigen, wird Ihr Gegenüber das in irgendeiner Weise wahrnehmen und einordnen, mit anderen Worten: Auch Ihr Nicht-Verhalten ist für den Anderen eine Mitteilung, die er interpretieren und bewerten wird. Wie der berühmte amerikanische Psychologe Paul Watzlawick es ausgedrückt hat: "Verhalten hat kein Gegenteil, ... Man kann sich nicht nicht verhalten." oder an anderer Stelle: "man kann nicht nicht kommunizieren."

Bevor wir uns mit einzelnen Problembereichen der sozialen Interaktion befassen, wollen wir einmal allgemein klären, was eigentlich genau in einer solchen Interaktion passiert. Welche Prozesse laufen zwischen mir und meinem Interaktionspartner ab, und welche Prozesse passieren dabei in meiner Person?

Nehmen wir dafür ein Beispiel:

Sie sind mit Ihrem Partner (oder Ihrer Partnerin) zu einem Fest eingeladen. Ihr Partner kommt spät von der Arbeit nach Hause und sagt zu Ihnen: "Tag Schatz, ich hab heut überhaupt keine Lust, auf dieses Fest zu gehen. Ich möchte am liebsten allein sein und niemanden sehen."

Versetzen Sie sich einmal in diese Situation und überlegen Sie, was Sie sich jetzt in diesem Moment denken würden. Wie würden Sie diese Mitteilung interpretieren? Hier sind verschiedene Möglichkeiten:

Sie denken sich z. B.:

  1. "Nie kann man sich auf irgend etwas verlassen, was man abgesprochen hat."
  2. "Das paßt mir gut, ich wollte ohnehin lieber allein gehen."
  3. "Ach der Arme, er hat sicher einen schweren Tag gehabt, ich werde allein gehen. Hinterher geht es ihm sicher wieder besser."
  4. "Er tut mir so leid, er hat heute sicher wieder viel Stress gehabt, ich werde auch zu Hause bleiben und versuchen, ihn wieder aufzumuntern."
  5. "Er mag einfach nicht mit mir in die Öffentlichkeit gehen, er mag mich nicht mehr."
  6. "Es ist immer dasselbe, aber ich habe ja schon gar nicht mehr mit was anderem gerechnet."
  7. "Das kommt mir ja merkwürdig vor, was er nur vorhat?"

Das ist nur eine kleine Auswahl der möglichen Gedankengänge, andere wären vorstellbar. Haben Sie sich in einem der Gedanken wiederfinden können? Wahrscheinlich werden Sie sagen, das kommt ja ganz darauf an. In der Tat werden viele Faktoren das beeinflussen, was Sie konkret in dieser Situation denken. Das, was Sie in diesem Moment denken würden, hinge davon ab

Auch das ist wieder nur eine kleine Auswahl der beeinflussenden Faktoren. Die Aufzählung ist mit Sicherheit nicht erschöpfend. Es sollte lediglich gezeigt werden, daß die kognitive Bewertung einer bestimmten Situation sowohl von der konkreten Situation als auch von den vorhergehenden Erfahrungen der wahrnehmenden Person beeinflußt wird. Die Situation an sich ist mehr oder weniger vieldeutig; dennoch werde ich meistens den Eindruck haben, sie sei eigentlich ganz eindeutig. Sie wird als eindeutig wahrgenommen, weil ich sie durch die Brille meiner kristallisierten Erfahrungen wahrnehme. Leider verzerrt diese Brille häufig, was dann den Anlaß zu Kommunikations- und auch Beziehungsstörungen liefert. Wir werden darauf später noch zurückkommen.

Fassen wir das bisher gesagte noch einmal zusammen: Wir haben eine Situation und reagieren darauf zunächst mit einer kognitiven Bewertung. Sie werden sich jetzt vielleicht fragen, wo denn nun die Gefühle bleiben, auch diese spielen ja eine wichtige Rolle in sozialen Interaktionen. In der Tat werden gerade in unserem obigen Beispiel die Emotionen eine ganz wesentliche Rolle spielen. Allerdings ergeben sich die Gefühle nicht direkt aus der Situation, sondern sind ein Resultat unserer kognitiven Bewertung: Wenn Sie sich noch einmal unsere obige Aufzählung der möglichen Gedanken anschauen, wird ziemlich deutlich, daß mit diesen Gedanken sehr unterschiedliche Emotionen verbunden sind: Wenn Sie zu sich sagen: "Nie kann man sich auf irgend etwas verlassen, was man abgesprochen hat.", wird das Gefühl, welches dadurch ausgelöst wird, wohl Ärger sein; wenn Sie dagegen sagen: "Das paßt mir gut, ich wollte ohnehin lieber allein gehen.", wird das Gefühl eher Freude und Erleichterung sein.

Situation und emotionale Reaktion hängen also nicht direkt zusammen, sondern dazwischen liegt die vermittelnde Instanz der kognitiven Bewertung. Erst das, was ich zu mir selbst in einer bestimmten Situation sage, meine kognitive Bewertung, ruft die emotionale Reaktion hervor. Sie können vielleicht diesen Gedanken nicht ohne weiteres nachvollziehen und werden einwenden, daß es Situationen gibt, in denen eine solche kognitive Bewertung gar nicht mehr stattfindet, wo man direkt "gefühlsmäßig" reagiert. Sie werden vielleicht an einen Phobiker denken, an einen Angstpatienten, der auf die Konfrontation mit "seinem" angstauslösenden Reiz (z. B. einer Schlange oder einer Spinne) sozusagen spontan eine starke emotionale Reaktion zeigt. Auch in einem solchen Fall findet aber zunächst eine kognitive Bewertung statt; ohne eine solche Bewertung (die Einordnung in die Kategorie der angstausösenden Reize) gäbe es keine emotionale Reaktion. Allerdings ist in solchen Fällen die kognitive Bewertung relativ wenig bewußt, sie ist schon sehr weitgehend automatisiert. Die kognitiven Prozesse werden um so weniger bewußt ablaufen, je stärker ein Verhalten automatisiert ist. Gute Beispiele für sehr weitgehend automatisierte Verhaltenssequenzen sind das Gehen, das Auto- und das Radfahren. Bei solchen Tätigkeiten führt der Versuch, diese wieder kognitiv zu steuern, meist zu Problemen.

Je stärker Handlungsabläufe automatisiert sind, desto schwieriger ist es, sie zu verändern. Jeder kennt wahrscheinlich aus seinem eigenen Leben Beispiele für solche Schwierigkeiten. Will man sich z. B. das Rauchen abgewöhnen, macht einem nicht nur der sinkende Nikotinspiegel und die dadurch ausgelöste Gier auf eine Zigarette zu schaffen, sondern auch die automatisierten Abläufe, die einen in ganz vielen Situationen automatisch an Zigaretten denken lassen. Verändern lassen sich diese Abläufe nur dadurch, daß man ganz bewußt und zielstrebig sein Verhalten beobachtet und versucht, neue Automatismen an die Stelle der alten zu installieren. Dies ist in der Regel ein mühsamer und auch ein länger dauernder Prozeß.

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